Dicht bevölkertes Nebelspalter-Cover von Ian David Marsden aus dem Jahr 1991 mit prominenten Persönlichkeiten, Popkulturfiguren und Partyzelt.

Nebelspalter · Schweizer Cartoon · Karikatur · Editorial Illustration

Mein Nebelspalter — über vier Jahrzehnte Schweizer Cartoons, Karikatur & Illustration

Vom jugendlichen Cartoonzeichner bis zu den letzten Arbeiten im Januar 2026: eine persönliche Auswahl aus Titelbildern, politischen Karikaturen, Doppelseiten, Schweizer Figurenwelten und redaktioneller Illustration für eines der traditionsreichsten Satiremagazine der Schweiz.

Ein Schweizer Cartoonist wächst mit dem Nebelspalter auf

Ich begann bereits mit 15 Jahren, Zeichnungen an die Redaktion des Nebelspalter zu schicken. Einige Arbeiten wurden angenommen und angekauft, bevor sie tatsächlich erschienen. Meine ersten veröffentlichten Cartoons folgten 1983, als ich 16 war.

Der damalige Chefredaktor Werner Meier sah offenbar früh etwas in diesen Zeichnungen und bezeichnete einige davon sogar als «Perlen der Cartoon-Kunst» — eine Bemerkung, die mir als sehr jungem Zeichner natürlich enorm viel bedeutete.

Mein erstes Titelbild erschien am 1. Januar 1985. Zu diesem Zeitpunkt war ich 17. Die Zusammenarbeit mit dem Nebelspalter sollte mich mit Unterbrechungen bis zu meinen letzten Arbeiten im Januar 2026 begleiten.

Der 1875 gegründete Nebelspalter gehört zu den traditionsreichsten Satiremagazinen im deutschsprachigen Raum. Für mich war er früh ein aussergewöhnlicher Ort: politische Karikatur, Cartoon, Schweizer Humor, Editorial Illustration, Text und gezeichnete Erzählung konnten dort nebeneinander existieren.

Schon bevor ich selbst dort veröffentlichte, kannte ich diese Bildwelt gut. Meine Grosseltern in St. Gallen besassen im Estrich eine fast vollständige Sammlung älterer Hefte, die bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurückreichte. Als Kind studierte ich darin die sehr unterschiedlichen Striche, Figuren und Formen von Humor früherer Schweizer Zeichner.

Cartoonist Schweiz · Frühe Jahre

Der Anfang einer Laufbahn als Cartoonist und Illustrator

Als sehr junger Zeichner im Nebelspalter zu publizieren, war zunächst einfach aufregend. Rückblickend war es aber auch der Anfang einer Arbeitsweise, die sich durch mein gesamtes Berufsleben zieht: genau hinsehen, reduzieren, zuspitzen, Figuren entwickeln und eine Idee möglichst klar in ein Bild übersetzen.

Mit 18 hatte ich bereits mein eigenes Atelier an der Spitalgasse 5 im Zürcher Niederdorf. Von dort aus arbeitete ich weiter an Cartoons, Illustrationen und redaktionellen Aufträgen — in einer Phase, in der sich aus dem sehr jungen Zeichner langsam ein professioneller Illustrator und Cartoonist entwickelte.

Später zeichnete ich für zahlreiche Schweizer Publikationen, darunter Bilanz, Blick, Das Magazin, NZZ am Sonntag, Schweizer Illustrierte, SonntagsBlick, Tages-Anzeiger, ZüriWoche und weitere Zeitungen und Zeitschriften.

Auch internationale Arbeiten kamen hinzu, darunter Cartoons für The New Yorker und MAD Magazine. Später folgten Bücher, Graphic Novels, Character Design, Animation und internationale visuelle Kommunikationsprojekte.

Der Cartoon blieb trotzdem ein Fundament. Vieles, was später in Illustration, Character Design, Comics, visueller Kommunikation oder Animation entstand, beginnt mit derselben Frage: Wie lässt sich eine Idee so weit reduzieren, dass sie sofort lesbar wird — ohne ihre Persönlichkeit zu verlieren?

Ian David Marsden as a young illustrator and cartoonist in his Zürich studio in 1986.
Ian David Marsden im eigenen Atelier in Zürich, 1986 — in den frühen Jahren als Cartoonist und Illustrator.

Das erste Nebelspalter-Titelbild — 1. Januar 1985

Mein erstes Titelbild für den Nebelspalter erschien am 1. Januar 1985. Es ist eine dicht bevölkerte Gruppenkarikatur mit bekannten und erfundenen Figuren — ziemlich eindeutig die Arbeit eines jungen Zeichners, der möglichst viel auf einmal zeigen wollte.

Ich hatte mich links im Bild gleich selbst mitverewigt.

Erstes Nebelspalter-Titelbild von Ian David Marsden aus dem Jahr 1985, mit grosser Gruppenkarikatur aus prominenten und erfundenen Figuren.
Mein erstes Titelbild für den Nebelspalter, erschienen am 1. Januar 1985.
Dicht bevölkertes Nebelspalter-Cover von Ian David Marsden aus dem Jahr 1991 mit prominenten Persönlichkeiten, Popkulturfiguren und Partyzelt.
Grosses Figurenpanorama für das Nebelspalter-Cover vom 19. August 1991. Sechs Jahre nach dem ersten Wimmel-Titelbild war die Bildsprache bereits deutlich weiterentwickelt.

Schweizer Karikatur · Cover Illustration

Politische Karikatur und groteske Titelbilder

Die Titelbilder waren eine besondere Disziplin. Sie mussten am Kiosk funktionieren, ein Thema sichtbar machen und gleichzeitig als eigenständige Illustration bestehen.

Manche bezogen sich direkt auf Schweizer Politik und öffentliche Debatten. Andere entstanden aus einer einzigen absurden Bildidee: ein rauchender Fisch im Goldfischglas, ein Hofnarr mit einer Pflanze voller Narrenkappen, ein Zirkusdirektor mit seiner ganzen Menagerie im Bett oder eine gewaltige Malmaschine, neben der ihr Erfinder beinahe verschwindet.

Diese Mischung aus politischer Karikatur, visueller Satire und freier Cartoon-Idee gehörte für mich immer zum Reiz des Magazins.

Politische Nebelspalter-Coverkarikatur von Bundesrätin Elisabeth Kopp mit Werbelogos auf der Jacke, gezeichnet von Ian David Marsden, 1987.
Politische Titelillustration mit Bundesrätin Elisabeth Kopp für den Nebelspalter, 10. September 1987.
Nebelspalter-Titelbild «Hässlicher König» von Ian David Marsden aus dem Jahr 1987, mit grotesker Königsfigur, Zigarre und Geldschein.
Titelbild «Hässlicher König» für den Nebelspalter, erschienen am 26. November 1987.
Nebelspalter-Titelbild «Manege frei!» von Ian David Marsden aus dem Jahr 1990, mit Zirkusdirektor und zahlreichen Tieren gemeinsam im Bett.
«Manege frei!» — satirisches Zirkus-Cover für den Nebelspalter, 30. April 1990.
Nebelspalter-Titelbild «Narr mit Pflanze» von Ian David Marsden aus dem Jahr 1990, mit Hofnarr und einer Pflanze voller Narrenkappen.
«Narr mit Pflanze» — Cover-Illustration für den Nebelspalter, 26. Februar 1990.
Nebelspalter-Titelbild von Ian David Marsden aus dem Jahr 1992 mit gewaltiger mechanischer Malmaschine und kleinem Erfinder.
Technisch-fantastisches Nebelspalter-Cover mit Malmaschine, 9. März 1992.
Nebelspalter-Titelbild «Rauchen wie ein Fisch» von Ian David Marsden, mit rauchendem Fisch in einem Goldfischglas, 1992.
«Rauchen wie ein Fisch» — Titelillustration für den Nebelspalter, 27. April 1992.

Doppelseiten, Comiczeichnung und grössere gezeichnete Welten

Neben dem klassischen Einzelcartoon bot der Nebelspalter auch Raum für grössere redaktionelle Bildwelten. Doppelseiten konnten Nebenfiguren, visuelle Umwege und kleine Geschichten aufnehmen, die erst beim zweiten oder dritten Hinsehen sichtbar wurden.

Diese Arbeiten lagen oft irgendwo zwischen Cartoon, Comiczeichnung, Editorial Illustration und visueller Erzählung. Gerade darin liegt rückblickend ihre Bedeutung für meine spätere Arbeit: Szenen nicht nur als Einzelbild zu denken, sondern als kleine Welt mit eigener innerer Dramaturgie.

Doppelseitige Nebelspalter-Illustration «Subtilité de Poisson» von Ian David Marsden mit einer Gruppe grotesker Fantasiefische, 1993.
«Solidarité de Poisson» — doppelseitige Fisch-Illustration für den Nebelspalter, 1993. Das Original wurde später bei der Cartoon Biennale in Davos gezeigt.

Cartoon Biennale Davos

Das Original von «Subtilité de Poisson» wurde später bei der Cartoon Biennale in Davos gezeigt. Mehrere Originalzeichnungen fanden dort Käufer.

Solche Ausstellungen waren ein wichtiger Teil der damaligen Schweizer Cartoon- und Karikaturszene: gedruckte Arbeiten konnten ausserhalb des Magazins als eigenständige Zeichnungen betrachtet werden.

Doppelseitige Nebelspalter-Illustration «Der Tod des letzten Nashorns» von Ian David Marsden mit bewaffneten Wilderern vor einem getöteten Nashorn.
«Der Tod des letzten Nashorns» — grossformatige satirische Illustration für den Nebelspalter.
Satirische Nebelspalter-Illustration von Ian David Marsden aus dem Jahr 1990, in der Herkules gegen eine wilde Sau kämpft.
Aus «Verlorene Perlen der Weltliteratur»: Herkules erlegt die brünstige Wildsau — Nebelspalter, 1990.
Nebelspalter-Illustration «Unser Garten, eine Grossstadt» von Ian David Marsden, mit erfundener Blattwalze auf einem Pflanzenblatt, 1991.
Aus «Unser Garten, eine Grossstadt»: die erfundene Blattwalze, gezeichnet für den Nebelspalter 1991.

Schweizer Comic- & Bildkultur

Globi, Popkultur und Schweizer Figuren

Eine Zeichnung aus dem Jahr 1992 zeigt Globi als Yuppie an einer Bar. Für mich hatte dieses Motiv einen besonderen Reiz, weil Globi bereits zur Bilderwelt meiner Kindheit gehört hatte.

Dass eine so vertraute Schweizer Comicfigur später in einer eigenen Nebelspalter-Zeichnung auftauchte, war ein schöner Kreis zwischen Leser, Zeichner und publizierter Arbeit.

Satirische Nebelspalter-Illustration von Ian David Marsden aus dem Jahr 1992 mit Globi als Yuppie an einer Bar neben einer extravaganten Verehrerin.
Globi als Yuppie mit Cüpli — satirische Illustration für den Nebelspalter, 1992.

Satire als Zeitdokument

Eine Doppelseite von 1993 verbindet die Heiligen Drei Könige mit einer überdimensionalen Enter-Taste. Damals war das Symbol der Computerwelt noch neu genug, um fast wie ein Fremdkörper aus einer anderen Sphäre zu wirken.

Solche Zeichnungen altern auf interessante Weise. Was einmal aktuelle Satire oder visuelle Übertreibung war, wird später zusätzlich zum Zeitdokument darüber, wie sich Technik, Politik, Alltag und Bildsprache verändert haben.

Nebelspalter-Doppelseite von Ian David Marsden aus dem Jahr 1993 mit den Heiligen Drei Königen auf Kamelen und einer riesigen Enter-Taste.
Drei Könige, Kamele und eine überdimensionale Enter-Taste — Doppelseite für den Nebelspalter, 1993.

Alpine Bildwelten, Bücher und erzählerische Räume

Auch grössere alpine Szenen und Buchprojekte fanden ihren Weg in den Nebelspalter. «Wenn der Alpenfirn sich rötet» zeigt ein küssendes Paar in einer grossen Schweizer Landschaft, umgeben von Nebenfiguren und kleineren visuellen Episoden.

Dasselbe Interesse an verdichteten Szenen und erzählerischen Rändern tauchte später immer wieder auf — in Buchillustration, Comics, Graphic Novels, visuellen Essays und komplexeren Kommunikationsprojekten.

Nebelspalter-Seite mit grosser Illustration von Ian David Marsden zu «Wenn der Alpenfirn sich rötet», mit küssendem Paar im Alpenpanorama und zahlreichen Nebenfiguren.
Illustration zu «Wenn der Alpenfirn sich rötet» — gezeigt in einem Nebelspalter-Beitrag mit Hinweis auf die Buchveröffentlichung.

Vom Schweizer Cartoon zum internationalen Illustrationsberuf

Die frühen Jahre beim Nebelspalter waren kein isoliertes Kapitel. Sie bildeten einen Teil des Fundaments für vieles, was später folgte.

Ich arbeitete später unter anderem für internationale Publikationen, entwickelte Smoony, das offizielle Maskottchen der FIS Alpinen Skiweltmeisterschaften 2003 in St. Moritz, und war in den frühen Jahren von Google als offizieller Google-Doodle-Künstler tätig.

Was sich veränderte, waren Medien, Auftraggeber und Produktionsformen. Was blieb, war die Arbeit mit Figuren, visueller Zuspitzung, Humor, Bilddramaturgie und der Fähigkeit, komplexe Ideen zeichnerisch auf einen Punkt zu bringen.

Archiv & Sammlung

Nebelspalter-Archiv und Cartoonmuseum Basel

Historische Jahrgänge des Nebelspalter bis 2017 sind auf E-Periodica digital zugänglich. Dort lassen sich Ausgaben jahrgangsweise durchsuchen und im ursprünglichen Magazinlayout betrachten.

Eine umfangreiche Auswahl früher Originalzeichnungen aus meiner Nebelspalter-Zeit übergab ich bei meinem Umzug nach New York dem Cartoonmuseum Basel.

Gerade Arbeiten aus der Prä-Digital-Zeit verschwinden leicht aus dem sichtbaren Gedächtnis. Diese Seite soll deshalb nicht nur Portfolio sein, sondern auch ein kleiner digitaler Nachweis dieser Schweizer Cartoon-, Karikatur- und Illustrationsgeschichte.

Illustrator and graphic novel author Ian David Marsden in his studio near Montpellier, working at a Wacom screen on comic art
Ian David Marsden heute im Atelier bei Montpellier.

Was von dieser Zeit geblieben ist

Wenn ich die frühen Arbeiten heute anschaue, sehe ich vieles, das ich inzwischen anders zeichnen würde. Gleichzeitig erkenne ich erstaunlich viel wieder: Figuren, groteske Gesichter, dicht bevölkerte Szenen, Maschinen, Fabelwesen, Nebenhandlungen und die Freude daran, eine Idee ein kleines Stück weiterzutreiben, als es vernünftig wäre.

Diese Elemente tauchen bis heute in meiner Arbeit auf — in Cartoons ebenso wie in Editorial Illustration, Comics, Character Design, visueller Kommunikation und gezeichneten Erklärfilmen.

Die Werkzeuge haben sich verändert. Die grundlegende Freude daran, mit einer Zeichnung etwas sichtbar, verständlich oder überraschend zu machen, ist ziemlich dieselbe geblieben.

Das Ende der Zusammenarbeit im Januar 2026

Im Januar 2026 endete meine Zusammenarbeit mit dem Nebelspalter. Über mehr als vier Jahrzehnte hinweg hatte ich mit Unterbrechungen für unterschiedliche Phasen und Redaktionen des Magazins gearbeitet.

In der letzten Phase konnte ich meine eigenen Themen und Beiträge stets mit meinen persönlichen Überzeugungen vereinbaren. Gleichzeitig wurde mir mit der Zeit klar, dass ich meine Arbeit nicht mehr dauerhaft in diesem publizistischen Umfeld platzieren wollte.

Für mich war das keine Frage danach, ob in einem Magazin unterschiedliche oder gegensätzliche Meinungen erscheinen dürfen. Im Gegenteil: Das gehört zu einer lebendigen publizistischen Kultur. Es war eine persönliche Entscheidung darüber, in welchem Umfeld ich mit meinen eigenen Arbeiten vertreten sein möchte.

Meine letzten Arbeiten erschienen Anfang 2026: fünf Illustrationen von leicht schrägen Vernissage-Besucherinnen und -Besuchern. Damit endete die Zusammenarbeit im gegenseitigen Einverständnis.

Was bleibt, sind sehr viele Zeichnungen, eine lange Verbindung zu einem wichtigen Stück Schweizer Satiregeschichte und die Erinnerung daran, dass ein Redaktor einem sehr jungen Zeichner ganz am Anfang seiner Laufbahn eine Chance gab.

Never say never. After 40+ years.

Cartoon, Comiczeichnung & Editorial Illustration heute

Die Erfahrungen aus dieser langen Schweizer Cartoon- und Illustrationsgeschichte fliessen weiterhin in aktuelle Aufträge ein — von Editorial Illustration und gezeichneten Kommentaren bis zu Business Comics, Character Design und visueller Kommunikation.

Weiterführend: Business Comics & Sequential Illustration · Editorial & Educational Illustration · Case Studies.

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