Dicht bevölkertes Nebelspalter-Cover von Ian David Marsden aus dem Jahr 1991 mit prominenten Persönlichkeiten, Popkulturfiguren und Partyzelt.

Mein Nebelspalter — 43 Jahre Cartoons, Titelbilder und Schweizer Satire

Als meine ersten Cartoons 1983 im Nebelspalter erschienen, war ich 16 Jahre alt. Angefangen hatte ich allerdings schon mit 14, Zeichnungen an die Redaktion zu schicken. Der damalige Chefredaktor Werner Meier sah irgendwann in einer meiner Sendungen offenbar einen Funken und bezeichnete einige meiner Zeichnungen sogar als «Perlen der Cartoon-Kunst» — was mich mit 14 oder 15 natürlich unglaublich freute. Damit begann eine Zusammenarbeit, die mich von diesen ersten Veröffentlichungen bis zu meinen letzten Arbeiten für das Magazin im Januar 2026 begleiten sollte.

Der Nebelspalter, 1875 gegründet, gehört zu den traditionsreichsten Satiremagazinen überhaupt. Für mich war er schon früh ein ungewöhnlich ernstzunehmender Spielplatz: ein Ort, an dem Cartoons, politische Karikatur, gezeichneter Humor, Schweizer Eigenheiten und redaktioneller Witz nebeneinander Platz hatten.

Meine Grosseltern in St. Gallen besassen im Estrich eine mehr oder weniger vollständige Sammlung alter Hefte, die bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurückreichte. Ich kannte deshalb schon als Kind viele der legendären Zeichner, ihre Striche, Figuren und sehr unterschiedlichen Arten von Humor. Lange bevor ich selbst für den Nebelspalter zeichnete, hatte ich diese Welt bereits gründlich studiert.

Über die Jahrzehnte entstanden für das Magazin Einzelcartoons, politische Karikaturen, Titelbilder, doppelseitige Illustrationen, satirische Bildstrecken, Text-Bild-Arbeiten, geschriebene Beiträge und freiere Magazinseiten, die sich irgendwo zwischen Cartoon, Editorial Illustration und einer kleinen gezeichneten Welt bewegten.

Dieser Beitrag zeigt vor allem Arbeiten aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Eine vollständige Retrospektive wäre vermutlich etwas viel verlangt — vom Leser und vom Server. Es ist also eher ein Streifzug durch eine Zeit, in der ich sehr viel zeichnete, sehr viel ausprobierte und noch nicht ahnte, wie lange mich der Nebelspalter begleiten würde.

Ein früher Anfang

Mit 16 Jahren im Nebelspalter zu publizieren, war für mich damals vor allem aufregend. Rückblickend war es der Beginn einer Linie, die sich durch mein gesamtes Berufsleben zieht. Auch als ich später für internationale Kunden, Verlage, Unternehmen und grössere visuelle Projekte arbeitete, blieb die satirische Zeichnung ein Fundament: genau hinschauen, reduzieren, zuspitzen und gelegentlich mit grosser Hingabe völligen Schwachsinn erfinden.

In den folgenden Jahren zeichnete ich für zahlreiche Schweizer Publikationen. Im Tagblatt der Stadt Zürich erschien mein wöchentlicher Comic, daneben arbeitete ich unter anderem für BilanzBlickDas Magazin, das Mövenpick Magazin, die NZZ am SonntagPUNKT MagazinSchöner Wohnen, die Schweizer IllustrierteSchweizer LandLiebeSonntagsBlickTagi Magi, den Tages-Anzeiger, die ZüriWoche und weitere Zeitungen und Zeitschriften. Arbeiten erschienen ausserdem in internationalen Publikationen.

Einige der Dinge, von denen ich als junger Zeichner geträumt hatte, wurden später tatsächlich Wirklichkeit: Ich zeichnete für das amerikanische MAD Magazine und The New Yorker, und auch eigene Bücher und Graphic Novels folgten.

Der Nebelspalter blieb innerhalb dieser Laufbahn etwas Eigenes. Werner Meier war der erste Redaktor, der diesem sehr jungen Zeichner eine Chance gab. Wir sind bis heute in Kontakt, und Werner und seine Frau haben mich in den letzten Jahren mehrmals in meinem Atelier in Südfrankreich besucht — selbstverständlich nie ohne die entsprechenden kulinarischen Accoutrements, wie es sich für einen Gourmet, Lebemann und Mitglied des Ordre Mondial des Gourmets Dégustateurs wie Werni gehört.

Was danach kam

Aus diesen frühen Jahren entwickelte sich vieles, womit ich als Sechzehnjähriger tatsächlich einmal gerechnet oder zumindest heimlich gehofft hatte. Später verkaufte ich Cartoons an The New Yorker und MAD Magazine, entwarf Smoony, das offizielle Maskottchen der FIS Alpinen Skiweltmeisterschaften 2003 in St. Moritz, und arbeitete in den frühen Jahren von Google als erster und damals einziger Google-Doodle-Künstler.

Das fühlte sich für mich nie wie ein Bruch mit dem Cartoon an. Vieles, was ich später in Illustration, Character Design, visueller Kommunikation oder Animation machte, hat denselben Ursprung: genau hinsehen, reduzieren, übertreiben, Figuren erfinden und versuchen, eine Idee in einem Bild auf den Punkt zu bringen.

Das erste Titelbild — Nebelspalter Cover 1985

Mein erstes Titelbild für den Nebelspalter erschien am 1. Januar 1985. Ich war 17 Jahre alt. Die Zeichnung ist eine dicht bevölkerte Gruppenkarikatur voller bekannter und erfundener Figuren, die sich zu einer Art satirischem Jahresauftakt zusammendrängen.

Man sieht darin durchaus den jungen Zeichner, der zeigen möchte, was er kann. Ich habe Verständnis für ihn. Man sieht ihn tatsächlich auch selbst: Er hatte sich links im Bild gleich noch mitverewigt.

Erstes Nebelspalter-Titelbild von Ian David Marsden aus dem Jahr 1985, mit grosser Gruppenkarikatur aus prominenten und erfundenen Figuren.
Mein erstes Titelbild für den Nebelspalter, erschienen am 1. Januar 1985.

Cover waren für den Nebelspalter immer eine besondere Aufgabe. Sie mussten am Kiosk funktionieren, das Thema einer Ausgabe sichtbar machen und zugleich als eigenständiges Bild bestehen. Für mich waren sie früh eine reizvolle Form.

Dicht bevölkertes Nebelspalter-Cover von Ian David Marsden aus dem Jahr 1991 mit prominenten Persönlichkeiten, Popkulturfiguren und Partyzelt.
Sechs Jahre nach meinem ersten Wimmel-Titelbild sieht man einigen Fortschritt.
Grosses Figurenpanorama für das Nebelspalter-Cover vom 19. August 1991.
Ich habe mich links oben auch noch selber in den VIP-Kuchen eingebacken.

Politische Karikatur und groteske Titelbilder

In den folgenden Jahren entstanden zahlreiche weitere Cover. Manche griffen konkrete politische Themen auf, andere lebten hauptsächlich von einer einzigen leicht verschrobenen Bildidee.

Die Titelillustration mit Bundesrätin Elisabeth Kopp erschien 1987. Ob ich damals tatsächlich auf eine ganz bestimmte Debatte um Politik, Öffentlichkeit und Sponsoring reagierte oder ob mir schlicht die Bildidee gefiel, weiss ich heute nicht mehr mit Sicherheit. Ich weiss allerdings noch, dass das Original sehr gross war, mit Airbrush gemalt wurde und das PTT-Porto beträchtlich war.

Ein anderes Cover aus demselben Jahr zeigt einen reichlich unsympathischen König mit Krone, Zigarre und Geldschein unter der Zeile «Wenn ich einmal reich wär …». Die Pointe macht sich nicht allzu viel Mühe, diskret im Hintergrund zu bleiben.

Politische Nebelspalter-Coverkarikatur von Bundesrätin Elisabeth Kopp mit Werbelogos auf der Jacke, gezeichnet von Ian David Marsden, 1987.
Politische Titelillustration mit Bundesrätin Elisabeth Kopp für den Nebelspalter, 10. September 1987.
Nebelspalter-Titelbild «Hässlicher König» von Ian David Marsden aus dem Jahr 1987, mit grotesker Königsfigur, Zigarre und Geldschein.
Titelbild «Hässlicher König» für den Nebelspalter, erschienen am 26. November 1987.

Andere Titelbilder waren weniger tagespolitisch und stärker aus einer absurden Grundidee gebaut: ein Fisch, der im Goldfischglas Zigarre raucht; ein Hofnarr, der eine Pflanze voller Narrenkappen giesst; ein Zirkusdirektor, der seine gesamte Menagerie offenbar mit ins Bett genommen hat; eine riesige Malmaschine, vor der ein kleiner Erfinder fast wie eine Randbemerkung wirkt.

Nebelspalter-Titelbild «Manege frei!» von Ian David Marsden aus dem Jahr 1990, mit Zirkusdirektor und zahlreichen Tieren gemeinsam im Bett.
«Manege frei!» — satirisches Zirkus-Cover für den Nebelspalter, 30. April 1990.
Nebelspalter-Titelbild «Narr mit Pflanze» von Ian David Marsden aus dem Jahr 1990, mit Hofnarr und einer Pflanze voller Narrenkappen.
«Narr mit Pflanze» — Cover-Illustration für den Nebelspalter, 26. Februar 1990.
Nebelspalter-Titelbild von Ian David Marsden aus dem Jahr 1992 mit gewaltiger mechanischer Malmaschine und kleinem Erfinder.
Technisch-fantastisches Nebelspalter-Cover mit Malmaschine, 9. März 1992.
Nebelspalter-Titelbild «Rauchen wie ein Fisch» von Ian David Marsden, mit rauchendem Fisch in einem Goldfischglas, 1992.
«Rauchen wie ein Fisch» — Titelillustration für den Nebelspalter, 27. April 1992.

Wenn ich diese frühen Cover heute wiedersehe, erkenne ich darin vieles, das später in meiner Arbeit geblieben ist: die Freude an überfüllten Szenen, Maschinen, Monstern, Fabelwesen, sehr deutlichen Gesichtern und Situationen, die sich einen halben Schritt weiterbewegen, als die Vernunft eigentlich vorgesehen hatte.

Doppelseiten und grössere gezeichnete Welten

Neben Einzelcartoons und Titelbildern bot der Nebelspalter auch Raum für grössere redaktionelle Arbeiten. Doppelseiten hatten einen anderen Rhythmus. Sie mussten nicht alles in einer einzigen Pointe erledigen, sondern konnten eine ganze kleine Welt aufbauen — mit Nebenfiguren, visuellen Seitenwegen und Details, die erst beim längeren Hinsehen auftauchen.

Die Fisch-Doppelseite «Subtilité de Poisson» aus dem Jahr 1993 gehört zu diesen Arbeiten. Sie zeigt eine Gesellschaft grotesker Fantasiefische, die in einem tiefblauen Unterwasserraum treiben, als hätten sie dort schon immer gewohnt und nur darauf gewartet, endlich publiziert zu werden.

Das Original wurde später bei der Cartoon Biennale in Davos gezeigt. Meine Arbeiten fanden dort ein sehr aufmerksames Publikum, und mehrere Originalzeichnungen wurden während der Ausstellung verkauft.

Doppelseitige Nebelspalter-Illustration «Subtilité de Poisson» von Ian David Marsden mit einer Gruppe grotesker Fantasiefische, 1993.
«Subtilité de Poisson» — doppelseitige Fisch-Illustration für den Nebelspalter, 1993. Das Original wurde später bei der Cartoon Biennale in Davos gezeigt.

Eine ganz andere Doppelseite ist «Der Tod des letzten Nashorns». Eine Gruppe bewaffneter Wilderer und Händler steht vor dem massiven Körper des getöteten Tieres. Drei klitzekleine Vögel sind die Einzigen, die dem majestätischen Tier eine Träne nachweinen.

Doppelseitige Nebelspalter-Illustration «Der Tod des letzten Nashorns» von Ian David Marsden mit bewaffneten Wilderern vor einem getöteten Nashorn.
«Der Tod des letzten Nashorns» — grossformatige satirische Illustration für den Nebelspalter.

Auch die Reihe «Unser Garten, eine Grossstadt» — wobei es sich hier streng genommen um die erste und einzige Episode handelt — erlaubte etwas freiere Bildformen. Die erfundene «Blattwalze» ist ein Insektenwesen, das auf einem Pflanzenblatt nicht allzu viel Auslauf für seine Rollschuhe findet.

Ähnlich frei bewegt sich die Seite aus «Verlorene Perlen der Weltliteratur», in der Herkules die brünstige Wildsau von Ios erlegt. Die sepiafarbene Würde der Darstellung hilft dem Unsinn sehr. Eine haarige Angelegenheit.

Satirische Nebelspalter-Illustration von Ian David Marsden aus dem Jahr 1990, in der Herkules gegen eine wilde Sau kämpft.
Aus der Reihe «Verlorene Perlen der Weltliteratur»: Herkules erlegt die brünstige Wildsau — Nebelspalter, 1990.
Nebelspalter-Illustration «Unser Garten, eine Grossstadt» von Ian David Marsden, mit erfundener Blattwalze auf einem Pflanzenblatt, 1991.
Aus «Unser Garten, eine Grossstadt»: die erfundene Blattwalze, gezeichnet für den Nebelspalter 1991.

Schweizer Figuren, Popkultur und Globi

Eine mir besonders naheliegende Zeichnung aus dem Jahr 1992 zeigt Globi — den berühmten Schweizer Comicvogel — bei einem vorübergehenden Ausbruch ins Yuppie-Milieu.

Globi gehörte schon in meiner frühen Kindheit zur vertrauten Schweizer Bilderwelt. Ihn später selbst für den Nebelspalter zeichnen zu können, war deshalb ein eigentümlich schöner Kreis: Der blaue Vogel aus den Büchern meiner Kindheit steht plötzlich in meiner Zeichnung an einer Bar, im Anzug, mit Cüpli und einer ausgesprochen begeisterten Verehrerin.

Ich hätte sehr gerne mit ihm im «Roxy» ein Cüpli zu mir genommen.

Satirische Nebelspalter-Illustration von Ian David Marsden aus dem Jahr 1992 mit Globi als Yuppie an einer Bar neben einer extravaganten Verehrerin.
Globi als Yuppie mit Cüpli — satirische Illustration für den Nebelspalter, 1992.

Eine andere Doppelseite aus dem Jahr 1993 verbindet die Heiligen Drei Könige mit einer überdimensionalen Enter-Taste. Die Könige ziehen mit ihren Kamelen durch die Landschaft, während vor ihnen dieses damals noch ziemlich frisch wirkende Symbol der Computerwelt auftaucht.

Aus heutiger Sicht ist das fast ein kleines Zeitdokument. Die Digitalisierung war längst im Alltag angekommen, aber noch neu genug, um wie ein seltsames Zeichen aus einer anderen Sphäre zu wirken. Wir stehen heute wieder vor ähnlich merkwürdigen Sprüngen ins Ungewisse.

Nebelspalter-Doppelseite von Ian David Marsden aus dem Jahr 1993 mit den Heiligen Drei Königen auf Kamelen und einer riesigen Enter-Taste.
Drei Könige, Kamele und eine überdimensionale Enter-Taste — Doppelseite für den Nebelspalter, 1993.

Buchnähe, grössere Bildräume und alpine Übertreibung

Einige Arbeiten aus dieser Zeit standen im Umfeld grösserer erzählerischer Projekte. Die abgebildete Nebelspalter-Seite zu «Wenn der Alpenfirn sich rötet» zeigt eine grossformatige Illustration mit einem küssenden Paar in alpiner Landschaft, umgeben von zahlreichen kleineren Szenen und Nebenfiguren.

Zum Schweizer Jubiläum schrieb ich in das Buch: «Umarmt und küsst euch. Why don’t we do it in the road?» Solchen Optimismus sollte man heute noch haben.

Nebelspalter-Seite mit grosser Illustration von Ian David Marsden zu «Wenn der Alpenfirn sich rötet», mit küssendem Paar im Alpenpanorama und zahlreichen Nebenfiguren.
Illustration zu «Wenn der Alpenfirn sich rötet» — gezeigt in einem Nebelspalter-Beitrag mit Hinweis auf die Buchveröffentlichung.

Dasselbe Interesse an verdichteten Szenen, Figurenansammlungen und erzählerischen Rändern tauchte später in anderen Teilen meiner Arbeit wieder auf — in Buchillustration, Comics, visuellen Essays, Graphic Novels und grösseren Kommunikationsprojekten.

Eine Auswahl, nicht das Archiv

Die hier gezeigten Zeichnungen sind nur ein kleiner Ausschnitt. Zwischen 1983 und Januar 2026 erschienen im Nebelspalter zahlreiche weitere Cartoons, Titelillustrationen, doppelseitige Satiren, politische Karikaturen und Bild-Text-Arbeiten von mir.

Einige spätere Beiträge habe ich auf dieser Website bereits gesondert dokumentiert:

Nebelspalter-Archiv und Cartoonmuseum Basel

Wer ältere Ausgaben im Originalkontext sehen möchte, findet die historischen Jahrgänge des Nebelspalter bis 2017 vollständig digitalisiert auf E-Periodica. Die Hefte lassen sich dort jahrgangsweise durchsuchen und Seite für Seite im damaligen Magazinlayout betrachten. Auch viele meiner frühen Arbeiten sind dort mit den richtigen Suchbegriffen im ursprünglichen Zusammenhang auffindbar.

Eine umfangreiche Auswahl früher Originalzeichnungen aus meiner Nebelspalter-Zeit übergab ich bei meinem Umzug nach New York ausserdem dem Cartoonmuseum Basel.

Das Museum widmet sich Cartoon, Karikatur, Comic, Graphic Novel und verwandten Formen der narrativen Zeichnung. Ein Besuch lohnt sich ohnehin — auch wenn meines Wissens zurzeit keine meiner Arbeiten ausgestellt sind.

Dass ein Teil dieser frühen Arbeiten heute nicht nur gedruckt, sondern auch in Archiven, Sammlungen und Ausstellungserinnerungen weiterlebt, freut mich. Vieles davon stammt aus der Prä-Digital-Zeit. Deshalb wollte ich hier auch einen kleinen Nachweis im Internet hinterlassen. Sonst hat es diese Zeichnungen ja irgendwann gar nie gegeben.

Was davon geblieben ist

Illustrator and graphic novel author Ian David Marsden in his studio near Montpellier, working at a Wacom screen on comic art
Ian David Marsden im Atelier bei Montpellier.

Wenn ich diese alten Arbeiten heute anschaue, sehe ich natürlich vieles, das ich inzwischen anders zeichnen würde. Aber ich erkenne auch erstaunlich viel wieder: die Lust an Figuren, überfüllten Szenen, grotesken Gesichtern, visuellen Nebenhandlungen und daran, eine Idee ein kleines Stück weiterzutreiben, als es vernünftig wäre.

Diese Dinge sind bis heute geblieben. Sie tauchen in meinen Cartoons ebenso auf wie in Editorial Illustration, Comics, Character Design oder gezeichneten Erklärfilmen. Der technische Rahmen hat sich verändert. Die Freude daran, mit einer Zeichnung etwas sichtbar zu machen, ist ziemlich dieselbe geblieben.

Das Ende der Zusammenarbeit im Januar 2026

Im Januar 2026 endete meine Zusammenarbeit mit dem Nebelspalter. Über mehr als vier Jahrzehnte hinweg hatte ich mit Unterbrechungen für verschiedene Phasen und Redaktionen des Magazins gearbeitet — vom früheren Nebelspalter in Rorschach unter Werner Meier über spätere Ausgaben bis zur jüngsten Printversion.

Als ich einige Jahre zuvor von Dominik Feusi gefragt wurde, ob ich wieder für das Magazin zeichnen möchte, freute ich mich über die Anfrage. Nach einiger Überlegung sagte ich zu — auch weil für mich von Anfang an klar war, dass ich keinen Beitrag zeichnen oder schreiben würde, der meinen persönlichen Überzeugungen widerspricht.

Das war während dieser letzten Periode meiner Zusammenarbeit auch nie der Fall. Ich konnte meine Themen und Beiträge mit meinem eigenen Gewissen vereinbaren und kann deshalb auch heute hinter den Cartoons, Illustrationen und Texten stehen, die in diesen Jahren von mir im Nebelspalter erschienen sind.

Das muss nach einer so langen und wechselvollen gemeinsamen Geschichte weder dramatisiert noch im Nachhinein ausdiskutiert werden. Ich bin es gewohnt, für Publikationen zu arbeiten, in denen unterschiedliche, auch gegensätzliche Standpunkte zu Wort kommen. Das gehört für mich zu einer lebendigen publizistischen Kultur.

Dem Nebelspalter muss ich dabei auch zugutehalten, dass er meine eigenen Beiträge veröffentlicht hat, selbst wenn diese offensichtlich nicht immer auf der Linie anderer Stimmen im Heft lagen. Dazu gehörten beispielsweise meine kritischen Cartoons über Donald Trump und andere Arbeiten, in denen ich meine Haltung und meine Analyse dieser Person keineswegs versteckt habe.

Mit der Zeit stiess ich jedoch zunehmend auf Beiträge, bei denen meine Reaktion nicht mehr einfach lautete: Damit bin ich nicht einverstanden. Vielmehr stellte sich für mich irgendwann die grundsätzlichere Frage, ob ich mit meinen eigenen Arbeiten weiterhin in derselben Publikation vertreten sein wollte. An diesem Punkt war für mich eine persönliche Grenze erreicht.

Das ist etwas anderes als der Anspruch, dass in einem Magazin alle derselben Meinung sein müssten. Gerade das würde meinem Verständnis von Satire, Presse und öffentlicher Debatte widersprechen. Es bedeutete lediglich, dass ich für mich entscheiden musste, in welchem publizistischen Umfeld ich mit meiner eigenen Arbeit stehen möchte.

Meine letzten Arbeiten erschienen Anfang 2026: fünf Illustrationen von leicht schrägen Vernissage-Besucherinnen und -Besuchern. Mit ihnen endete die Zusammenarbeit im gegenseitigen Einverständnis.

Nach mehr als vierzig Jahren, mehreren Unterbrechungen und verschiedenen Redaktionen hatte ich den Nebelspalter durch seine Stationen in Rorschach, Zürich und Basel begleitet — während ich selbst in dieser Zeit durch einige sehr unterschiedliche Lebensphasen gegangen war. Im Januar 2026 war für mich der richtige Zeitpunkt gekommen, dieses Kapitel abzuschliessen. Was bleibt, sind sehr viele Zeichnungen, einige Arbeiten, die ich bis heute gerne mag, und eine Verbindung zu einem Magazin, das mich bereits ganz am Anfang meiner Laufbahn begleitet hat.

Ob ich in einer weiteren Reinkarnation des Nebelspalters wieder zeichnen werde?

Never say never. After 40+ years.

Ian David Marsden, im Januar 2026

Weiterführende Arbeiten

Weitere Cartoons, Editorial Illustrationen und gezeichnete Projekte aus verschiedenen Jahrzehnten finden sich in meinen Bereichen Cartoons, Comics & Visual Storytelling, Editorial & Educational Illustration sowie in den Case Studies.

Für einen breiteren Überblick über meine deutschsprachige Arbeit in Illustration, Cartoon, visueller Kommunikation und handgezeichneten Erklärvideos gibt es ausserdem eine deutschsprachige Übersichtsseite.

Der Artikel hier bleibt aber bewusst bei den frühen Jahren. Sie waren der Anfang von ziemlich vielem.

Scroll to Top