Nebelspalter · Editorial Cartoon · Satirische Illustration

„Bin ich ein Heuchler?“ — Fünf Editorial Cartoons für den Nebelspalter

Für den Artikel „Bin ich ein Heuchler? – Der grosse Ehrlichkeitstest“ von Stefan Kämpfen entwickelte ich fünf farbige Editorial Cartoons über Doppelmoral, moralische Selbstdarstellung und die erstaunliche menschliche Fähigkeit, bei solchen Fragen zunächst an alle anderen zu denken.

Editorial-Cartoon-Serie von Ian David Marsden für den Nebelspalter-Artikel Bin ich ein Heuchler? in der Septemberausgabe 2025.
Die fünf farbigen Editorial Cartoons für „Bin ich ein Heuchler? – Der grosse Ehrlichkeitstest“, erschienen im Nebelspalter im September 2025.

Satirische Figuren für einen Ehrlichkeitstest

Stefan Kämpfens Artikel untersucht verschiedene Formen moderner Selbstgerechtigkeit in Form eines satirischen Tests. Meine Aufgabe bestand darin, diese Gedanken nicht einfach zu illustrieren, sondern ihnen fünf eigenständige Figuren gegenüberzustellen.

So entstanden ein scheinheiliger Prediger, ein demonstrativ engagierter Weltverbesserer, eine mitfühlende Fernsehzuschauerin, ein defensiver Kleinbürger samt Gartenzwerg und ein Mann, dessen Selbsteinschätzung bereits so positiv ausfällt, dass weitere Charakterarbeit vermutlich überflüssig erscheint.

Jede Figur ist eine kleine Bühne für eine andere Form von Selbsttäuschung.

Editorial Illustration sollte einen Text nicht einfach wiederholen

Bei redaktioneller Illustration interessiert mich besonders der Abstand zwischen Text und Bild. Eine Zeichnung muss das Geschriebene verstehen, aber sie sollte nicht nur noch einmal zeigen, was bereits im Absatz steht.

Eine gute redaktionelle Karikatur setzt einen zusätzlichen Gedanken daneben. Sie verdichtet, übertreibt, verschiebt den Blickwinkel oder fügt eine Pointe hinzu, die im Text so nicht formuliert werden muss.

Gerade bei Satire entsteht die interessanteste Arbeit oft dort, wo Autor und Zeichner dasselbe Thema betrachten, aber nicht exakt denselben Witz machen.

Satirische Illustration eines scheinheiligen Geistlichen mit Heiligenschein, gezeichnet von Ian David Marsden für den Nebelspalter.
Scheinheiligkeit mit Heiligenschein — moralische Autorität, dekorativ bereits vollständig ausgestattet.

Character Design für Editorial Satire

Fünf Typen, fünf Arten sich selbst recht zu geben

  • Der scheinheilige Prediger — moralische Autorität mit entsprechendem Heiligenschein.
  • Der engagierte Weltverbesserer — Haltung und Selbstdarstellung in bemerkenswert harmonischer Koexistenz.
  • Die mitfühlende Fernsehzuschauerin — echtes Mitgefühl, allerdings bei komfortabler räumlicher Distanz.
  • Der defensive Kleinbürger — Sicherheitsbedürfnis, Misstrauen und Gartenzwerg bilden eine geschlossene Weltanschauung.
  • Der schamlos Ehrliche — vollkommen überzeugt davon, dass Offenheit allein bereits als Tugend genügt.

Die Figuren sind bewusst typisiert, aber nicht austauschbar. Haltung, Kleidung, Gesichtsausdruck, Requisiten und Umgebung erzählen jeweils einen Teil der Pointe.

Editorial Illustration von Ian David Marsden für den Nebelspalter mit einer Frau vor einem Fernsehbild eines Flüchtlingsboots.
Guter Wille, Distanz und die sehr bequeme Dramaturgie eines Fernsehabends.

Pointe, Requisiten und visuelle Nebeninformationen

Die Zeichnungen wurden digital ausgeführt, behalten aber die Direktheit einer klassischen Cartoonlinie. Farbe und Textur dienen dabei nicht lediglich dazu, eine Schwarz-Weiss-Zeichnung attraktiver zu machen.

Besonders wichtig sind die kleinen Gegenstände. Ein Plakat, ein Gartenzwerg, eine Fernbedienung, ein Autoschlüssel oder ein bewusst gewähltes Kleidungsstück kann die Figur in wenigen Sekunden charakterisieren.

In satirischer Illustration ist ein gut gewähltes Requisit manchmal nützlicher als ein zusätzlicher Absatz Erklärung.

Karikatur eines ängstlichen Kleinbürgers mit Gartenzwerg und Reinigungsmittel, gezeichnet von Ian David Marsden für den Nebelspalter.
Der Garten als Sicherheitsdispositiv. Gartenzwerg inklusive.

Ein spätes Projekt in einer sehr langen Nebelspalter-Geschichte

Diese Serie erschien im September 2025 und gehört damit zu den späten Arbeiten meiner langjährigen Verbindung mit dem Nebelspalter.

Meine ersten Cartoons waren dort bereits 1983 erschienen, als ich 16 Jahre alt war. In den Jahrzehnten dazwischen entstanden politische Karikaturen, Titelbilder, Editorial Cartoons, Doppelseiten, Text-Bild-Arbeiten und satirische Beiträge in sehr unterschiedlichen Formen.

Diese Geschichte ist inzwischen umfangreich genug für einen eigenen Rückblick. Hier geht es bewusst um diese fünf Zeichnungen und darum, wie aus einem redaktionellen Text fünf eigenständige satirische Figuren wurden.

Satirische Zeichnung eines Aktivisten mit Anti-Kuh-Furz-Plakat, gezeichnet von Ian David Marsden für den Nebelspalter.
Moralischer Hochdruck, grafisch sauber beschildert.

Warum Cartoons für redaktionelle Themen funktionieren

Ein Cartoon hat wenig Platz und wenig Zeit. Die Figur, der Konflikt und die Pointe müssen fast gleichzeitig lesbar werden.

Gerade deshalb eignet sich die Form gut für gesellschaftliche und redaktionelle Themen. Sie zwingt dazu, den Kern eines Gedankens zu finden, ohne daraus eine grafische Zusammenfassung des Artikels zu machen.

Diese Fähigkeit zur Verdichtung begleitet auch andere Bereiche meiner Arbeit — von Editorial Illustration und Comics bis zu visueller Kommunikation und gezeichneten Erklärformaten.

Satirische Illustration eines selbstzufriedenen Mannes mit Autoschlüssel, gezeichnet von Ian David Marsden für den Nebelspalter.
Schamlos ehrlich. Zumindest in eigener Wahrnehmung.

Editorial Illustration & Cartoon

Weitere redaktionelle und gezeichnete Arbeiten

Weitere Arbeiten finden sich unter Editorial & Educational Illustration, Business Comics & Sequential Illustration sowie in den Case Studies.

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